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Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 17.11.2012, 19:14
von escapeintolife
Hi Leute,
frag mich jetzt schon des längeren was es bedeutet einen "Jahresring unverletzt freizulegen". Also der Grundgedanke ist mir ja klar, aber bedeutet "unverletzt" ohne jeglichen Kratzer? Damit meine ich auch nicht mit Schleifpapier (sei es noch so fein) den Ring anzukratzen, oder ist damit lediglich gemeint keine gröberen Schnitzer, die zur Abhebung von Splittern führen können, zu machen.
Sollte man jetzt wenn man am werken ist bis vielleicht max. 0,1mm vor dem gewünschten Ring runterarbeiten und dann mit dem Schleifpapier gaaaanz vorsichtig bis zum Richtigen Ring schleifen?
Die Frage scheint für euch, als geübte Bogenbauer, vielleicht lächerlich - jedoch quält mich diese jetzt schon seit einigen Tagen

Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 17.11.2012, 19:41
von Squid (✝)
Die Frage ist völlig gerechtfertigt.
Optimal ist natürlich der Jahresring, der direkt unter der Rinde liegt und bei dem die Rinde (weil frisch) ohne Messer abgezogen werden kann.
Aber das gibt es halt nicht immer. Also muss man das Beste draus machen. Und das bedeutet, dass es natürlich Bearbeitungs- und Schleifspuren auf dem erwählten Ring gibt.
Das ist aber dann unproblematisch, wenn das Ganze halbwegs homogen über eine größere Strecke statt findet. Dann sind auch kleine Schleiffehler kein Problem. Auch ein eingeschliffenes Loch im obersten Ring kann unproblematisch sein. Das kann vorkommen, wenn man Holz mit sehr dünnen Ringen verarbeitet. Plötzlich is man durch. Solange das Loch noch von Holz des obersten Ringes umgeben ist, KANN das reichen.
Bei einem 5 mm Jahresring sind z.B. 1 mm tiefe Raspelspuren unproblematisch, weil man ja später den Bogen glatt schleift. Klar, der Rückenring wird dadurch 1 mm dünner - zumindest an einer Stelle die sich aber über eine gewisse Länge ausdehnen sollte - aber die Stabilität des Holzes gibt das her. Letztlich würde man bei dieser Konstellation aber wahrscheinlich den Ring komplett auf 4 mm runterschleifen.
Der unverletzte Ring ist also eine wichtige Angelegenheit, man kann aber durch Technik einiges ausgleichen. Zur Technik gehört eben auch das Wissen, dass man so eine Problemstelle nicht lokal sondern mit einer gewissen Ausdehnung nach links und rechts bearbeiten muss.
Problematisch wird es bei irgendwelchen Edeleiben mit 50 Ringen auf 1 cm - da kann man eigentlich nur vergeigen wenn man nicht ziemlich genau weiss, was man tut...
Deutlich schädlicher sind übrigens Querverletzungen, während ein Längsriss eher unkritisch ist.
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 17.11.2012, 19:47
von Wilfrid (✝)
so, wie Du das beschreibst, escapeintolife, allerdings schön längs schleifen. jeder quer"riß" ist ein Anriß
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 17.11.2012, 20:08
von Chirion
Gedankenexperiment: stell dir vor du schmierst dir dick Holzleim aufs Schienbein lasst ihn trocknen, dann nimmst du eine Ziehklinge und schabst ihn runter. Ohne ein paar Hautrötungen wird das nicht abgehen aber solang die Haut draufbleibt und nix blutet hast du gewonnen. Dies wollte eine schöne Bildliche Vorstellung davon liefern was mit unverletzt gemeint ist
Dei Ansatz ist schon richtig nur wirst du 0,1 mm nicht so präzise schaffen allerdings istda ja der letzte Frühring der auf deinem beabsichtigtem Ring liegt und der ist bei den meisten Holzern von der Konsistenz her anders als der Spätring auf den du willst, deshalb arbeitet man grob mal im Fruhring und entfernt diesen dann vorsichtig, der Frühring ist meisst 0,3-1mm dick
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 17.11.2012, 20:23
von Squid (✝)
Chirion: Is ja eklich! Wir sin hier doch nich in nem SM Forum!!
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 17.11.2012, 20:24
von Yumiya
Chirion hat geschrieben:stell dir vor du schmierst dir dick Holzleim aufs Schienbein lasst ihn trocknen, dann nimmst du eine Ziehklinge und schabst ihn runter.
AUTSCH! Chirion is gerade auf'm Knochentripp
Yumiya
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 17.11.2012, 21:27
von Chirion
Da steht doch eh Gedankenexperiment, sollte ja nur vermitteln wie vorsichtig an das angehen sollte wenn mans noch nie gemacht hat
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 17.11.2012, 21:31
von Palmstroem
escapeintolife hat geschrieben:Hi Leute,
frag mich jetzt schon des längeren was es bedeutet einen "Jahresring unverletzt freizulegen". Also der Grundgedanke ist mir ja klar, aber bedeutet "unverletzt" ohne jeglichen Kratzer? Damit meine ich auch nicht mit Schleifpapier (sei es noch so fein) den Ring anzukratzen, oder ist damit lediglich gemeint keine gröberen Schnitzer, die zur Abhebung von Splittern führen können, zu machen.

Ich bin selbst Anfänger und habe gerade einen Eschestave in Arbeit, da muss ich mich durch 4 Ringe arbeiten (der erste unter der Rinde hatte Fraßspuren) - eine Arbeit für einen, der Vater und Mutter erschlagen hat (oder anderen Holzleim ans Knie gemacht hat

). Ich habe allergrößten Respekt vor der Aufgabe, gerade weil u.a. hier im Forum immer so explizit darauf hingewiesen wird.
Ich werde mich mit Zugmesser Ring für Ring an den Wunschring ranarbeiten (natürlich erst NACHDEM ich mit dem vorletzten Ring die Bogenform herausgearbeitet habe) und spätestens, wenn der Frühholzring kommt, wechsle ich zur Ziehklinge und mache damit weiter. Mein Problem bei dieser Esche ist eher, was ich mit dem letzten Hauch Frühholz mache, der glatt aussieht, sich jedoch farblich leicht abhebt. Der Wunschring hat leichte Senken, da müsste man, um hineinzukommen, mit einer gerundeten Ziehklinge arbeiten. Und es sind rel. viele Senken.

Ich trau mich nicht mal, eine Raspel zu nehmen, um das Frühholz zu beseitigen, meine ist nämlich rel. grob und scharf. Es ist aber, glaube ich, ganz normal, am Anfang etwas vorsichtiger zu sein.
Palmström
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 17.11.2012, 21:37
von Chirion
Für die letzten Feinarbeiten eignet sich vor allem bei Unebenheiten (Bogen nicht Schienbein) Stahlwolle ganz gut
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 18.11.2012, 12:05
von Ravenheart
...alles korrekt, 2 Anmerkungen noch ergänzend:
Eine Querrille im Rückenring - und sei sie noch so klein - erhöht die Bruchgefahr massiv, verdoppelt sie quasi mindestens!
Bei einer Quer-Rille durch eine z.B. Raspel, aber AUCH noch durch grobes Sandpapier (!) (grob = Körnung unter 150er) ist der Materialverlust, der dabei entsteht, diese Rille raus zu schleifen, das KLEINERE ÜBEL....aber...
Es hängt allerdings auch von der Ringdicke ab, wie Squid schon schrieb! Hat der Ring 5 mm und ich muss 0,5 mm wegschleifen reduziert das die Haltbarkeit um 10%. Hat der Ring nur 1 mm und ich muss 0,5 mm wegschleifen, reduziert das die Haltbarkeit um 70%! 70, nicht 50!
Das hat wiederum damit zu tun, dass das Spätholz am Ende der Wachstumsperiode höhere Festigkeiten hat als das frühe!)
Und dann muss man noch zwischen RILLEN und DELLEN unterscheiden!
Durch eine Raspel entsteht Druck in dünnen, parallelen Streifen. Selbst wenn die RILLEN schon weggeschliffen sind, erkennt man im Holz die DELLEN, weil in den Streifen die Fasern komprimiert sind.
Ähnliches passiert, wenn man mit dem fast fertigen Bogen irgendwo anstößt.
DELLEN sind unbedenklich (so lange sie nicht SO heftig sind, dass die Fasern dabei tlw. gebrochen sind!).
Tipp aus den ganz tiefen Tiefen der Trickkiste:
Dellen lassen sich durch WÄSSERN der Stelle fast vollständig entfernen! Hält man eine Stelle mit Delle auf die Schnelle

ca. 15 min. lang feucht (Wichtig: NUR die Delle selber, NICHT das Drumherum!!), "quillt" die Delle wieder auf und verschwindet.
Auf kleine Dellen eine wenig SPEICHEL getupft (der enthält nämlich ein schleimbildendes Verdickungsmittel und trocknet daher nicht so schnell wie reines Wasser!), nach einigen Minuten noch mal erneuert, und die kleine Delle ist wieder weg...
Rabe
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 18.11.2012, 12:18
von Gornarak
Ravenheart hat geschrieben:Dellen lassen sich durch WÄSSERN der Stelle fast vollständig entfernen!
Für nen Dellenkönig wie mich ist das ein super Tipp.
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 18.11.2012, 12:19
von bowa
Leim aufs Schienbein und dann runterschaben....
Wie kommt man den auf so ne Idee...

Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 18.11.2012, 13:17
von Palmstroem
Hab hier mal ein Bild von meiner aktuellen Esche, dies ist der vorletzte (noch Übungsring), bevor es ernst wird.
Ich weiß, was Kerbwirkung anrichten kann, deswegen bin ich rel. vorsichtig.

Möglicherweise bin ich aber zu vorsichtig, das würde ich mal zur Diskussion stellen.
Palmström
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 18.11.2012, 14:29
von Gornarak
Auf nem Foto ist sowas relativ schlecht zu erkennen, man müsste wissen, wie dick der Ring ist und wo das Zuggewich hingehen soll, aber aus dem Bauch raus würd ich sagen, dass das noch voll im Rahmen liegt.
Re: Jahresring unverletzt lassen
Verfasst: 18.11.2012, 16:22
von Wilfrid (✝)
Das problematisch ist problematisch und gehört weggeschliffen, nicht tief aber lang