Jahresring unverletzt lassen

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escapeintolife
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Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von escapeintolife »

Hi Leute,

frag mich jetzt schon des längeren was es bedeutet einen "Jahresring unverletzt freizulegen". Also der Grundgedanke ist mir ja klar, aber bedeutet "unverletzt" ohne jeglichen Kratzer? Damit meine ich auch nicht mit Schleifpapier (sei es noch so fein) den Ring anzukratzen, oder ist damit lediglich gemeint keine gröberen Schnitzer, die zur Abhebung von Splittern führen können, zu machen.

Sollte man jetzt wenn man am werken ist bis vielleicht max. 0,1mm vor dem gewünschten Ring runterarbeiten und dann mit dem Schleifpapier gaaaanz vorsichtig bis zum Richtigen Ring schleifen?

Die Frage scheint für euch, als geübte Bogenbauer, vielleicht lächerlich - jedoch quält mich diese jetzt schon seit einigen Tagen ;)
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Squid (✝)
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Squid (✝) »

Die Frage ist völlig gerechtfertigt.
Optimal ist natürlich der Jahresring, der direkt unter der Rinde liegt und bei dem die Rinde (weil frisch) ohne Messer abgezogen werden kann.
Aber das gibt es halt nicht immer. Also muss man das Beste draus machen. Und das bedeutet, dass es natürlich Bearbeitungs- und Schleifspuren auf dem erwählten Ring gibt.
Das ist aber dann unproblematisch, wenn das Ganze halbwegs homogen über eine größere Strecke statt findet. Dann sind auch kleine Schleiffehler kein Problem. Auch ein eingeschliffenes Loch im obersten Ring kann unproblematisch sein. Das kann vorkommen, wenn man Holz mit sehr dünnen Ringen verarbeitet. Plötzlich is man durch. Solange das Loch noch von Holz des obersten Ringes umgeben ist, KANN das reichen.

Bei einem 5 mm Jahresring sind z.B. 1 mm tiefe Raspelspuren unproblematisch, weil man ja später den Bogen glatt schleift. Klar, der Rückenring wird dadurch 1 mm dünner - zumindest an einer Stelle die sich aber über eine gewisse Länge ausdehnen sollte - aber die Stabilität des Holzes gibt das her. Letztlich würde man bei dieser Konstellation aber wahrscheinlich den Ring komplett auf 4 mm runterschleifen.

Der unverletzte Ring ist also eine wichtige Angelegenheit, man kann aber durch Technik einiges ausgleichen. Zur Technik gehört eben auch das Wissen, dass man so eine Problemstelle nicht lokal sondern mit einer gewissen Ausdehnung nach links und rechts bearbeiten muss.

Problematisch wird es bei irgendwelchen Edeleiben mit 50 Ringen auf 1 cm - da kann man eigentlich nur vergeigen wenn man nicht ziemlich genau weiss, was man tut...

Deutlich schädlicher sind übrigens Querverletzungen, während ein Längsriss eher unkritisch ist.
Es ist mir egal ob schon mal jemand sowas gebaut hat.
Ich will ja nicht unken, aber in der überwiegenden Zahl der Fälle geht das schief.
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Wilfrid (✝)
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Wilfrid (✝) »

so, wie Du das beschreibst, escapeintolife, allerdings schön längs schleifen. jeder quer"riß" ist ein Anriß
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Chirion
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Chirion »

Gedankenexperiment: stell dir vor du schmierst dir dick Holzleim aufs Schienbein lasst ihn trocknen, dann nimmst du eine Ziehklinge und schabst ihn runter. Ohne ein paar Hautrötungen wird das nicht abgehen aber solang die Haut draufbleibt und nix blutet hast du gewonnen. Dies wollte eine schöne Bildliche Vorstellung davon liefern was mit unverletzt gemeint ist ;D

Dei Ansatz ist schon richtig nur wirst du 0,1 mm nicht so präzise schaffen allerdings istda ja der letzte Frühring der auf deinem beabsichtigtem Ring liegt und der ist bei den meisten Holzern von der Konsistenz her anders als der Spätring auf den du willst, deshalb arbeitet man grob mal im Fruhring und entfernt diesen dann vorsichtig, der Frühring ist meisst 0,3-1mm dick
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Squid (✝)
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Squid (✝) »

Chirion: Is ja eklich! Wir sin hier doch nich in nem SM Forum!!
Es ist mir egal ob schon mal jemand sowas gebaut hat.
Ich will ja nicht unken, aber in der überwiegenden Zahl der Fälle geht das schief.
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Yumiya »

Chirion hat geschrieben:stell dir vor du schmierst dir dick Holzleim aufs Schienbein lasst ihn trocknen, dann nimmst du eine Ziehklinge und schabst ihn runter.
AUTSCH! Chirion is gerade auf'm Knochentripp ;D

Yumiya
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Chirion
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Chirion »

Da steht doch eh Gedankenexperiment, sollte ja nur vermitteln wie vorsichtig an das angehen sollte wenn mans noch nie gemacht hat
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Palmstroem »

escapeintolife hat geschrieben:Hi Leute,

frag mich jetzt schon des längeren was es bedeutet einen "Jahresring unverletzt freizulegen". Also der Grundgedanke ist mir ja klar, aber bedeutet "unverletzt" ohne jeglichen Kratzer? Damit meine ich auch nicht mit Schleifpapier (sei es noch so fein) den Ring anzukratzen, oder ist damit lediglich gemeint keine gröberen Schnitzer, die zur Abhebung von Splittern führen können, zu machen.
;)
Ich bin selbst Anfänger und habe gerade einen Eschestave in Arbeit, da muss ich mich durch 4 Ringe arbeiten (der erste unter der Rinde hatte Fraßspuren) - eine Arbeit für einen, der Vater und Mutter erschlagen hat (oder anderen Holzleim ans Knie gemacht hat ;) ). Ich habe allergrößten Respekt vor der Aufgabe, gerade weil u.a. hier im Forum immer so explizit darauf hingewiesen wird.

Ich werde mich mit Zugmesser Ring für Ring an den Wunschring ranarbeiten (natürlich erst NACHDEM ich mit dem vorletzten Ring die Bogenform herausgearbeitet habe) und spätestens, wenn der Frühholzring kommt, wechsle ich zur Ziehklinge und mache damit weiter. Mein Problem bei dieser Esche ist eher, was ich mit dem letzten Hauch Frühholz mache, der glatt aussieht, sich jedoch farblich leicht abhebt. Der Wunschring hat leichte Senken, da müsste man, um hineinzukommen, mit einer gerundeten Ziehklinge arbeiten. Und es sind rel. viele Senken. :-\ Ich trau mich nicht mal, eine Raspel zu nehmen, um das Frühholz zu beseitigen, meine ist nämlich rel. grob und scharf. Es ist aber, glaube ich, ganz normal, am Anfang etwas vorsichtiger zu sein.

Palmström
Das Pfeilparadoxon
Ein Pfeil, gesandt von einem Bogen, ist auch zunächst pfeilgrad geflogen.
Nachdem der Schütze sich verzogen, ist Pfeil rechtwinklig abgebogen.
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Chirion »

Für die letzten Feinarbeiten eignet sich vor allem bei Unebenheiten (Bogen nicht Schienbein) Stahlwolle ganz gut
Chirion lehrt Pfeil und Bogen zugleich zu sein und eins mit dem Ziel zu werden

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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Ravenheart »

...alles korrekt, 2 Anmerkungen noch ergänzend:

Eine Querrille im Rückenring - und sei sie noch so klein - erhöht die Bruchgefahr massiv, verdoppelt sie quasi mindestens!
Delle_Rille.jpg
Bei einer Quer-Rille durch eine z.B. Raspel, aber AUCH noch durch grobes Sandpapier (!) (grob = Körnung unter 150er) ist der Materialverlust, der dabei entsteht, diese Rille raus zu schleifen, das KLEINERE ÜBEL....aber...

Es hängt allerdings auch von der Ringdicke ab, wie Squid schon schrieb! Hat der Ring 5 mm und ich muss 0,5 mm wegschleifen reduziert das die Haltbarkeit um 10%. Hat der Ring nur 1 mm und ich muss 0,5 mm wegschleifen, reduziert das die Haltbarkeit um 70%! 70, nicht 50!
Das hat wiederum damit zu tun, dass das Spätholz am Ende der Wachstumsperiode höhere Festigkeiten hat als das frühe!)

Und dann muss man noch zwischen RILLEN und DELLEN unterscheiden!
Durch eine Raspel entsteht Druck in dünnen, parallelen Streifen. Selbst wenn die RILLEN schon weggeschliffen sind, erkennt man im Holz die DELLEN, weil in den Streifen die Fasern komprimiert sind.
Ähnliches passiert, wenn man mit dem fast fertigen Bogen irgendwo anstößt.

DELLEN sind unbedenklich (so lange sie nicht SO heftig sind, dass die Fasern dabei tlw. gebrochen sind!).
Tipp aus den ganz tiefen Tiefen der Trickkiste:
Dellen lassen sich durch WÄSSERN der Stelle fast vollständig entfernen! Hält man eine Stelle mit Delle auf die Schnelle ;D ca. 15 min. lang feucht (Wichtig: NUR die Delle selber, NICHT das Drumherum!!), "quillt" die Delle wieder auf und verschwindet.
Auf kleine Dellen eine wenig SPEICHEL getupft (der enthält nämlich ein schleimbildendes Verdickungsmittel und trocknet daher nicht so schnell wie reines Wasser!), nach einigen Minuten noch mal erneuert, und die kleine Delle ist wieder weg... ;)

Rabe
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Gornarak »

Ravenheart hat geschrieben:Dellen lassen sich durch WÄSSERN der Stelle fast vollständig entfernen!
Für nen Dellenkönig wie mich ist das ein super Tipp.
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bowa
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von bowa »

Leim aufs Schienbein und dann runterschaben....

Wie kommt man den auf so ne Idee... ;)
Neun von zehn Stimmen in meinem Kopf sagen ich bin nicht verrückt.
Die zehnte summt die Melodie von Tetris.
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Palmstroem »

Hab hier mal ein Bild von meiner aktuellen Esche, dies ist der vorletzte (noch Übungsring), bevor es ernst wird.
Ich weiß, was Kerbwirkung anrichten kann, deswegen bin ich rel. vorsichtig.
Bild
Möglicherweise bin ich aber zu vorsichtig, das würde ich mal zur Diskussion stellen.

Palmström
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Gornarak »

Auf nem Foto ist sowas relativ schlecht zu erkennen, man müsste wissen, wie dick der Ring ist und wo das Zuggewich hingehen soll, aber aus dem Bauch raus würd ich sagen, dass das noch voll im Rahmen liegt.
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Wilfrid (✝)
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Re: Jahresring unverletzt lassen

Beitrag von Wilfrid (✝) »

Das problematisch ist problematisch und gehört weggeschliffen, nicht tief aber lang
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