Kassai und Militarismus
Verfasst: 07.06.2004, 13:38
Hallo hallo,
also ich muss jetzt doch mal was sagen zu diesem "Militärischen", von dem man hier die ganze Zeit liest.
Erstmal eine Frage an die, die die Kassai-Schule so betiteln: was genau versteht ihr unter "militärisch"? Bitte mit Beispielen.
Dann, ich schieße seit einem guten Jahr Reiterbogen, angefangen habe ich bei Pettra, regelmäßig schieße ich seit September letztes Jahr und seit da gehe ich auch regelmäßig einmal im Monat nach Ungarn zum Training.
Das erste Mal in Ungarn hat mich ziemlich erschreckt. Alle reden ungarisch (also das war natürlich weniger überraschend;-) ), niemand interessiert sich für mich, Anweisungen werden herumgeschrien, mir erklärt niemand um was es geht, ich mache alles falsch und werde nur angemeckert, verstehe aber nicht mal warum, komme beim Training nicht mit, stehen in Reih und Glied, Aufforderungen müssen sofort befolgt werden, irgendwie wirkt alles auf mich distanziert und kalt, das Wetter ist scheiße, es regnet, ist arschkalt, ich bin müde.... usw.
Aber ich habe auch gesehen, dass da tatsächlich Kinder mitmachen, sie arbeiten mit, sie trainieren mit, und denen scheint das auch noch Spaß zu machen. Und überhaupt hatte ich das Gefühl, dass da noch mehr ist, was ich einfach nur noch nicht mitkriege, irgendetwas hat mich dort fasziniert, ich wollte auch dazugehören, und ich musste einfach wieder hin.
Das ist so ungefähr das, was man als Beobachter von außen sieht. Inzwischen kenne ich noch eine andere Perspektive, nämlich die von innen.
Ich verstehe, warum die Disziplin so wichtig ist. An einem solchen Wochenende, an einem "open day", kommen nicht nur ungefähr 40 Leute, die trainieren wollen, vom absoluten Anfänger, der das erste Mal dabei ist, bis zu den Leuten, die schon seit 10 Jahren dabei sind, nein es kommen auch noch massenweise Zuschauer, manchmal auch das Fernsehen. Und für das alles trägt Lajos die Verantwortung. Man kann nicht jedes Mal jedem alles neu erklären. Wenn die Arbeiten zugeteilt werden, die Gruppen aufgeteilt werden, muss einfach schnell gehen und reibungslos ablaufen, wenn sich da jeder erst nach 5 Mal nachfragen in eine Gruppe bequemen würde, wäre der Tag vorbei ohne dass man zum Training gekommen wäre.
Und dann wird zusammen gearbeitet, 1 bis 2 Stunden. So ist das in Unagrn, Arbeit gegen Training. Und was so viele Menschen zusammen schaffen können, erstaunt mich jedes Mal aufs Neue. Außerdem trägt die Arbeit dazu bei, dass man sich als Gruppe fühlt, die gemeinsam etwas aufbaut. Und wenn du daran mitgearbeitet hast, dass die Reitbahn ordentlich aussieht, dann wirst du mit der ganzen Anlage auch ganz anders umgehen, als wenn dir alles serviert wird. Man bekommt Respekt und Achtung vor der eigenen Arbeit, aber natürlich auch vor der anderer.
Natürlich gibt es immer Leiter, die eine Arbeit beaufsichtigen. Aber nie habe ich es gesehen, dass so eine Rolle dazu missbraucht würde, jemand anderen zu schikanieren. Was der Leiter anordnet, muss befolgt werden, so ist das. Und wenn einem das nicht passt, kann man das am selben Abend bei der Besprechung in der Jurte sagen, und dann wird das dort ausdiskutiert, wo Platz dafür ist.
Die Organisation des Trainings ist genauso. Dieser Sport ist gefährlich, darum muss jeder die Regeln kennen. Wenn jemand sein Pferd nicht unter Kontrolle hat, oder zu früh losgaloppiert, oder mal zum Spaß in der Gegend herumschießt, können schlimme unfälle passieren. Darum ist die Disziplin so wichtig, damit man sich auf einander verlassen kann, in jeder Situation.
Und am Abend in der Jurte wird gemeinsam gegessen, getrunken, geredet, gesungen, gelacht, und getrommelt. Da ist nichts von der Kälte zu spüren, die ein Beobachter vielleicht vermutet, ganz im Gegenteil.
Ja, Bogenschießen vom Pferd ist eine Kampfkunst. Vielleicht mag das einige abschrecken, aber warum?
Kampfkunst bedeutet immer Konfrontation mit uns selbst. Es geht dabei nie darum, mehr Punkte zu schießen, sondern darum, näher zu uns selbst zu kommen. Und je näher man bei sich selbst ist, desto mehr Punkte schießt man, so herum funktioniert das, andersherum nicht.
Es mag einige Übungen geben, die auf Zuschauer, die nicht wissen, was dahinter steht, befremdlich wirken. Beispielsweise, in einer Reihe stehen, und schnell nacheinander schießen, und den Release mit einem Schrei begleiten.
Habt ihr schonmal vor 100 Zuschauern so laut geschrien wie ihr könnt? Glaubt mir, am Anfang kriegt man kaum einen Ton heraus.
Aber die Energie, die durch so einen Kampfschrei fokussiert wird, ist unlaublich, genauso wie der Rhythmus, der dadurch in der Gruppe entsteht, pure Energie und Kraft ist.
Eine andere Übung. Wir sind aufgestellt in 3 Reihen hitnereinander, vielleicht in jeder reihe 10 Leute. Dann marschieren wir, links rechts links, umdrehen, links rechts links, umdrehen, rechts linsk rechts, umdrehen, rechts linsk rechts, umdrehen, und wieder von vorne. Hat iegentlich nichts mti dem Bogenschießen zu tun und besonders schwer kan nes auch nicht sein, denkt ihr euch vielleicht.
Versucht mal, das 2 Minuten durchzuhalten ohne einen falschen Schritt. Ich bin mir sicher, das gelingt euch nur mti sehr viel Übung. Bie mir hat das ein paar Wochen bis Monate gedauert, bis ich es immer und solange ich wwill durchalten konnte. Das Ziel für jeden einzelnen dabei ist, Kontrolle des Geistes und des Körpers zu erreichen. Wie willst du einen komplizierten Bewegungsablauf kontrolliert ausführen, wenn du es nicht mal mit so einem einfachen schaffst?
Und diese Übung in der Gruppe auszuführen, wo man immer im Rhythmus bleiben muss, bereitet dich darauf vor, einen Rhythmus wahrzunehmen, ihn mit dienem Rhythmus in Einklang zu bringen, und dich harmonisch darin bewegen zu können - wie der Galopp des Pferdes, der den Rhythmus deiner schüsse bestimmt.
Ja, wir sind Krieger, und für uns ist das Bogenschießen vom Pferd mehr als nur ein Sport. Ehre und Gerechtigkeit sind Werte, die bei uns noch Gültigkeit haben. Man mag es kaum für möglich halten, dass es so etwas heute noch gibt, und vor allem, dass es funktioniert. Aber das tut es nicht von alleine. Jeder einzelne muss dafür an sich arbeiten, aber dann kann er Teil einer solchen Gemeinschaft sein, einer Gemeinschaft wie ich sie bisher noch nirgends gesehen habe.
Und wenn man dann abends nach einem Tag mit anstrengender Arbeit und intensivem Training müde und zufrieden in der Jurte sitzt, mit einem Glas Wein in der Hand mit den anderen anstößt, von der einen Seite Kuchen und von der anderen Seite Tomaten angeboten bekommt, und später die Trommel auspackt um gemeinsam den packenden Rhythmus zu spüren, dann weiß man, dass es sich gelohnt hat.
Natürlich kann man Bogenschießen und Reiten auch einfach so als einzelne Hobbies verbinden und mal ausprobieren, ob es Spaß macht, und natürlich kann man das auch in den Seminaren der Kassai-Schule in Deutschland und Österreich beginnen zu lernen, und das ist auch sicher sinnvoll, da es ein erprobtes Lern-System ist. Aber ich finde, man sollte trotzdem wissen, was dahinter steht.
viele Grüße,
Azora
also ich muss jetzt doch mal was sagen zu diesem "Militärischen", von dem man hier die ganze Zeit liest.
Erstmal eine Frage an die, die die Kassai-Schule so betiteln: was genau versteht ihr unter "militärisch"? Bitte mit Beispielen.
Dann, ich schieße seit einem guten Jahr Reiterbogen, angefangen habe ich bei Pettra, regelmäßig schieße ich seit September letztes Jahr und seit da gehe ich auch regelmäßig einmal im Monat nach Ungarn zum Training.
Das erste Mal in Ungarn hat mich ziemlich erschreckt. Alle reden ungarisch (also das war natürlich weniger überraschend;-) ), niemand interessiert sich für mich, Anweisungen werden herumgeschrien, mir erklärt niemand um was es geht, ich mache alles falsch und werde nur angemeckert, verstehe aber nicht mal warum, komme beim Training nicht mit, stehen in Reih und Glied, Aufforderungen müssen sofort befolgt werden, irgendwie wirkt alles auf mich distanziert und kalt, das Wetter ist scheiße, es regnet, ist arschkalt, ich bin müde.... usw.
Aber ich habe auch gesehen, dass da tatsächlich Kinder mitmachen, sie arbeiten mit, sie trainieren mit, und denen scheint das auch noch Spaß zu machen. Und überhaupt hatte ich das Gefühl, dass da noch mehr ist, was ich einfach nur noch nicht mitkriege, irgendetwas hat mich dort fasziniert, ich wollte auch dazugehören, und ich musste einfach wieder hin.
Das ist so ungefähr das, was man als Beobachter von außen sieht. Inzwischen kenne ich noch eine andere Perspektive, nämlich die von innen.
Ich verstehe, warum die Disziplin so wichtig ist. An einem solchen Wochenende, an einem "open day", kommen nicht nur ungefähr 40 Leute, die trainieren wollen, vom absoluten Anfänger, der das erste Mal dabei ist, bis zu den Leuten, die schon seit 10 Jahren dabei sind, nein es kommen auch noch massenweise Zuschauer, manchmal auch das Fernsehen. Und für das alles trägt Lajos die Verantwortung. Man kann nicht jedes Mal jedem alles neu erklären. Wenn die Arbeiten zugeteilt werden, die Gruppen aufgeteilt werden, muss einfach schnell gehen und reibungslos ablaufen, wenn sich da jeder erst nach 5 Mal nachfragen in eine Gruppe bequemen würde, wäre der Tag vorbei ohne dass man zum Training gekommen wäre.
Und dann wird zusammen gearbeitet, 1 bis 2 Stunden. So ist das in Unagrn, Arbeit gegen Training. Und was so viele Menschen zusammen schaffen können, erstaunt mich jedes Mal aufs Neue. Außerdem trägt die Arbeit dazu bei, dass man sich als Gruppe fühlt, die gemeinsam etwas aufbaut. Und wenn du daran mitgearbeitet hast, dass die Reitbahn ordentlich aussieht, dann wirst du mit der ganzen Anlage auch ganz anders umgehen, als wenn dir alles serviert wird. Man bekommt Respekt und Achtung vor der eigenen Arbeit, aber natürlich auch vor der anderer.
Natürlich gibt es immer Leiter, die eine Arbeit beaufsichtigen. Aber nie habe ich es gesehen, dass so eine Rolle dazu missbraucht würde, jemand anderen zu schikanieren. Was der Leiter anordnet, muss befolgt werden, so ist das. Und wenn einem das nicht passt, kann man das am selben Abend bei der Besprechung in der Jurte sagen, und dann wird das dort ausdiskutiert, wo Platz dafür ist.
Die Organisation des Trainings ist genauso. Dieser Sport ist gefährlich, darum muss jeder die Regeln kennen. Wenn jemand sein Pferd nicht unter Kontrolle hat, oder zu früh losgaloppiert, oder mal zum Spaß in der Gegend herumschießt, können schlimme unfälle passieren. Darum ist die Disziplin so wichtig, damit man sich auf einander verlassen kann, in jeder Situation.
Und am Abend in der Jurte wird gemeinsam gegessen, getrunken, geredet, gesungen, gelacht, und getrommelt. Da ist nichts von der Kälte zu spüren, die ein Beobachter vielleicht vermutet, ganz im Gegenteil.
Ja, Bogenschießen vom Pferd ist eine Kampfkunst. Vielleicht mag das einige abschrecken, aber warum?
Kampfkunst bedeutet immer Konfrontation mit uns selbst. Es geht dabei nie darum, mehr Punkte zu schießen, sondern darum, näher zu uns selbst zu kommen. Und je näher man bei sich selbst ist, desto mehr Punkte schießt man, so herum funktioniert das, andersherum nicht.
Es mag einige Übungen geben, die auf Zuschauer, die nicht wissen, was dahinter steht, befremdlich wirken. Beispielsweise, in einer Reihe stehen, und schnell nacheinander schießen, und den Release mit einem Schrei begleiten.
Habt ihr schonmal vor 100 Zuschauern so laut geschrien wie ihr könnt? Glaubt mir, am Anfang kriegt man kaum einen Ton heraus.
Aber die Energie, die durch so einen Kampfschrei fokussiert wird, ist unlaublich, genauso wie der Rhythmus, der dadurch in der Gruppe entsteht, pure Energie und Kraft ist.
Eine andere Übung. Wir sind aufgestellt in 3 Reihen hitnereinander, vielleicht in jeder reihe 10 Leute. Dann marschieren wir, links rechts links, umdrehen, links rechts links, umdrehen, rechts linsk rechts, umdrehen, rechts linsk rechts, umdrehen, und wieder von vorne. Hat iegentlich nichts mti dem Bogenschießen zu tun und besonders schwer kan nes auch nicht sein, denkt ihr euch vielleicht.
Versucht mal, das 2 Minuten durchzuhalten ohne einen falschen Schritt. Ich bin mir sicher, das gelingt euch nur mti sehr viel Übung. Bie mir hat das ein paar Wochen bis Monate gedauert, bis ich es immer und solange ich wwill durchalten konnte. Das Ziel für jeden einzelnen dabei ist, Kontrolle des Geistes und des Körpers zu erreichen. Wie willst du einen komplizierten Bewegungsablauf kontrolliert ausführen, wenn du es nicht mal mit so einem einfachen schaffst?
Und diese Übung in der Gruppe auszuführen, wo man immer im Rhythmus bleiben muss, bereitet dich darauf vor, einen Rhythmus wahrzunehmen, ihn mit dienem Rhythmus in Einklang zu bringen, und dich harmonisch darin bewegen zu können - wie der Galopp des Pferdes, der den Rhythmus deiner schüsse bestimmt.
Ja, wir sind Krieger, und für uns ist das Bogenschießen vom Pferd mehr als nur ein Sport. Ehre und Gerechtigkeit sind Werte, die bei uns noch Gültigkeit haben. Man mag es kaum für möglich halten, dass es so etwas heute noch gibt, und vor allem, dass es funktioniert. Aber das tut es nicht von alleine. Jeder einzelne muss dafür an sich arbeiten, aber dann kann er Teil einer solchen Gemeinschaft sein, einer Gemeinschaft wie ich sie bisher noch nirgends gesehen habe.
Und wenn man dann abends nach einem Tag mit anstrengender Arbeit und intensivem Training müde und zufrieden in der Jurte sitzt, mit einem Glas Wein in der Hand mit den anderen anstößt, von der einen Seite Kuchen und von der anderen Seite Tomaten angeboten bekommt, und später die Trommel auspackt um gemeinsam den packenden Rhythmus zu spüren, dann weiß man, dass es sich gelohnt hat.
Natürlich kann man Bogenschießen und Reiten auch einfach so als einzelne Hobbies verbinden und mal ausprobieren, ob es Spaß macht, und natürlich kann man das auch in den Seminaren der Kassai-Schule in Deutschland und Österreich beginnen zu lernen, und das ist auch sicher sinnvoll, da es ein erprobtes Lern-System ist. Aber ich finde, man sollte trotzdem wissen, was dahinter steht.
viele Grüße,
Azora
